Bloomberg-Interview mit Kai Wussow zum Thema „Fokus Mittelstand” am 22.01.2009.
Pressespiegel
Marcel Kolvenbach von Bloomberg-TV Frankfurt interviewte Kai Wussow zum Thema „Kyoto-Protokoll für Mittelstand und
Anleger”.
Das Gespräch wurde am 22.01.2009 von Bloomberg-TV gesendet und wird hier redaktionell überarbeitet und zusammengefasst wiedergegeben.
Bloomberg:
Herr Wussow, dass Kyoto-Protokoll ist in aller Munde. Es gibt große Sorgen bei den Unternehmen, dass man hier wegen Umweltschutz in Zukunft Einbußen erleiden muss. Aber es gibt auch jede Menge Chancen. Sie – glaube ich – sind an der Seite der Chancen beteiligt. Und wir wollen uns ein bisschen unterhalten über den Zertifikate-Handel. Das ist aber ein unheimlich komplexes Thema.
Kai Wussow (KW):
Die Chance, die durch das Kyoto-Protokoll erwächst, erwächst für alle diejenigen, die an der Minderung von Emissionen mitwirken. Und das sind natürlich Technologie-Lieferanten zum einen – gern auch deutsche Mittelständler. Zum anderen ist dies die Industrie in Europa oder auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern, die im Rahmen dieses CDM-Mechanismus, den die EU im Rahmen des Kyoto-Protokolls aufgebaut hat, für ihre Projekte viel Geld verdienen können. Das funktioniert im Prinzip so, dass jemand, der Emissionen spart, sich das Recht verbriefen lässt, die gesparten Emissionen anderweitig neu emittieren zu können. Das kann man sich vorstellen wie eine Aktie oder ein Warentermingeschäft: Ich kann mir das Recht, eine Tonne CO2 zu emittieren, verbriefen lassen– elektronisch in einer Datenbank bei der UNO. Und dieses Recht wird dann innerhalb mehrerer internationaler Handelssysteme elektronisch gehandelt. Mittlerweile haben Banken oder Broker dieses Thema inzwischen vollkommen professionell entwickelt.
Bloomberg:
Jetzt ist da die UNO zwischengeschaltet. Es gibt auch Börsen, die sich auf diesen Handel spezialisiert haben. Wer aber kommt dann in den Genuss, wer kann sozusagen diese Zertifikate erwerben und zu welchem Zweck?
KW:
Unternehmen haben die Möglichkeit, in ihrem Produktionsprozess durch die Umstellung oder Erweiterung ihrer Technologien Emissionen zu mindern. Das kann ein landwirtschaftlicher Betrieb sein. Sehr häufig sind dies Energieerzeuger oder Zementfabriken. Wir haben inzwischen 33 Projekte in verschiedenen Industrien, das sind Kokereien, Zementfabriken, Stahlhersteller, Energiehersteller, Kohleminen, aber auch einfach Erzeuger von Energien aus Biomasse oder Erzeuger von Elektrizität aus Wasserkraft. Diese Unternehmen investieren - nach unseren Erfahrungen – in der Regel für ein Projekt 20 bis 80 Mio. EUR in die neue Technologie. Sie haben dann einen komplexen Mechanismus, über den berechnet wird, wie viele Tonnen CO2 durch die Implementierung der neuen Technologie letztlich pro Jahr – also in jedem Jahr, in dem diese Technologien angewandt werden– gespart werden. Und für jede Tonne, die sie sparen - wie gesagt: verbrieft bei der UNO, TÜV-geprüft sozusagen - erhalten sie dann nach heutigem Marktpreis 9 bis 13 EUR. Das heißt: Bei einem typischen Projekt mit 100.000 Tonnen CO2 pro Jahr können sie über die Laufzeit des Projektes jedes Jahr einen Zusatzumsatz von 1 bis 1,5 Mio. EUR erwirtschaften.
Bloomberg:
Wenn ich sie richtig verstehe, beraten sie aber jetzt gerade Unternehmen, die solchen Unternehmen dabei helfen, diese Einsparungen zu machen.
KW:
Ja, unser Interesse ist es, die CDM-Projekte zu entwickeln. Das heißt, man muss in die Entwicklungs- und Schwellenländer gehen - teilweise auch Osteuropa und Europa selber - und den Unternehmen erklären, wie der Mechanismus funktioniert und welche Projekte überhaupt geeignet sind, um als CDM-Projekt anerkannt zu werden. Das ist eine schwierige Fragestellung technischer Art, die auch im bürokratischen Sinne wohlverstanden bearbeitet werden muss. Sie brauchen nämlich eine Dienstleistung, um das Projekt insgesamt zu Ende zu führen. Initial kostet das nichts, aber wenn das Projekt stattfinden kann, wenn das geprüft ist, dann kann man insgesamt über die Laufzeit mit 200.000 bis 300.000 EUR an Kosten für verschiedene zu erbringende Dienstleistungen rechnen. An dieses Thema muss man sich als Mittelständler gewöhnen. Denn, um diese vielen Millionen Euro in Summe durch das Projekt erwirtschaften zu können, muss man den einen oder anderen Euro ausgeben. Nur so kann man das Thema CDM gewinnbringend, profitorientiert und auch für das Unternehmen wirtschaftlich sinnvoll machen.
Bloomberg:
Sie haben hier ein kleines Schaubild aus ihrer Präsentation aufgerufen. Vielleicht können Sie das kurz beschreiben. Was man dort sieht, welchen Teil des Prozesses – des Tausches – man hier illustriert bekommt.
KW:
Ja, was sie hier sehen, ist, dass sie z.B. in einem Schwellenland; hier: China, Reduktionen erwirtschaften können. Da wird ein Projekt angelegt, mit dem sie Emissionen reduzieren. Man macht bei Projektbeginn einen Vertrag mit dem chinesischen Projekt, in dem dann gesagt wird, wir – also die europäische Seite – kaufen Emissionsrechte ab und garantieren einen Preis über viele Jahre, so dass eine Kalkulationssicherheit für die Investoren vorhanden ist. Auf der europäischen Seite entsteht dann ein Netzwerk, über welches sie praktisch die Emissionsrechte „bankenmäßig" kaufen, in Fonds legen und verplanen.
Bloomberg:
Welches prozentuale Einsparungspotenzial oder auch Gewinnpotenzial sehen sie da?
KW:
Das ist leider sehr, sehr unterschiedlich und deswegen nicht über einen Kamm scherend zu beantworten. Aber basierend auf den Zahlen, die ich eben nannte: Sie können bei solchen Projekte zusätzlichen Umsatz machen. Zum Beispiel bei einem Biomasse-Projekt zur Elektrizitätsherstellung: Da haben sie dann zwei Umsatzquellen. Die eine Umsatzquelle ist die Elektrizität. Die andere Umsatzquelle ist dann das CDM mit ein bis drei Millionen Euro pro Jahr zusätzlich.
Bloomberg:
Ab wann lohnt es sich zum Beispiel für einen Mittelständler selber in diesen Prozess einzusteigen. Selber – ich glaube, man kann so etwas erwerben – autorisierter Händler dieser Zertifikate zu sein? Oder ist es in den meisten Fällen outgesourct an einen Dienstleister?
KW:
Das ist ein Thema, das eigentlich immer outgesourct wird. Ich kenne im Mittelstand keinen Fall, wo mehr als ein, zwei Personen bei dem Technologie-Anbieter sich ernsthaft mit dem Thema befassen. Das müssen Spezialisten machen, da zum Beispiel verschiedene Organisationen zu involvieren sind. Zu bezahlen sind da letztlich die UNO, dann jemand, der die Projektentwicklung vor Ort im CDM-Sinne macht. Dieser Jemand muss in der Lage sein, die Prozesse der UNO nachzuweisen und auch die Umsetzung in dem Gastland – in dem Land, in dem das Projekt stattfindet - sicherzustellen. Da muss jedes Jahr nachgeschaut werden, ob die Produktion auch so stattfindet, wie sie auf Basis der Technologie ursprünglich geplant war. Und es muss auch nachgehalten werden, wie viel Emissionen tatsächlich in dem konkreten Jahr eingespart worden sind.
Bloomberg:
Wir haben jetzt über Unternehmen gesprochen, die CO2-Emissionen einsparen können. Wir haben über die UNO gesprochen. Wir haben über Mittelständler gesprochen. Gibt es denn auch für Anleger Möglichkeiten, an diesem ganzen Handel teilzunehmen? Oder ist das erstmal ein interner Handel zwischen Unternehmen, zwischen CO2-Emittenten und sozusagen Reduktionsmechanismen? Oder gibt es da auch Möglichkeiten, dort quasi zu handeln?
KW:
Also, für das Individuum ist es theoretisch möglich, in den Handel einzusteigen. Sie können bei elektronischen Börsen – die EEX beispielweise – CO2-Zertifikate handeln. Sie können auch online Tageskurse für CERs und für EUAs – so nennt man diese Rechte – abfragen. Das ist ein Geschäft wie Warentermin bei Schweinebäuchen oder gefrorenem Orangensaft oder auch Rohstoffe anderer Art. Das ist also ein ganz normales Comodity-Thema. Die Händler, die es dort gibt, sind aber als Anlage eher so zu fahren, dass man sagen kann: Es gibt große Fonds – das sind so 12 bis 14 Mrd. Euro derzeit –, in die auch Privatleute zunehmend investieren können. Da gibt es einige wenige Retail-Wege, wo man als Privatmann einsteigen und Geld in Klimazertifikate investieren kann – in Fonds, die eben genau als Fonds diese Projekte abdecken. Bisher wird das zu einem Drittel von öffentlichen Geldern übernommen – also der KfW in Deutschland zum Beispiel. Aber auch die Weltbank ist ein großer Käufer und hat große Fonds für dieses Thema. Dann gibt es noch große Fonds, die gespeist werden von der Deutschen Bank, von größeren Versicherungen, Rentenfonds, aber auch von Private Equity. Investiert wird in die Technologie-Seite genauso wie in die reine Carbon-Emission-Seite. Das ist ein Markt, der schon groß und komplex ist. Und wenn man sich in Deutschland umschaut, gibt es zwei, drei Produkte auch für Privatanleger.



