Bloomberg-Interview mit Dr. Frank Baumgärtner zum Thema „Fokus Mittelstand” am 22.01.2009
Pressespiegel
Marcel Kolvenbach von Bloomberg-TV Frankfurt interviewte Dr. Frank Baumgärtner zum Thema „Kyoto-Protokoll für Mittelstand und Anleger”.
Das Gespräch wurde am 22.01.2009 von Bloomberg-TV gesendet und wird hier redaktionell überarbeitet und zusammengefasst wiedergegeben.
Bloomberg:
Herr Baumgärtner, das Kyoto-Protokoll und die Zertifikate für CO2, das ist noch recht viel Theorie. Sie haben täglich mit realen Mittelständlern zu tun, die hier Geschäfte machen wollen. Wie schwer ist es überhaupt, Mittelständler von so einem Projekt zu überzeugen?
Dr. Frank Baumgärtner (FB):
Im Prinzip stellt dieser Zertifikat-Handel nichts anderes als eine Subvention dar. Wir reden dabei über einen Markt, der 2013 etwa zehnmal so groß wie der Fahrzeugbau und etwa achtmal so groß wie der Maschinenbau sein wird. Das heißt, dies ist einer der am stärksten wachsenden Märkte weltweit. Aufgrund der Mechanismen des Kyoto-Protokolls entstehen nun Subventions-Effekte, durch die Mittelständler in China, in Indien oder in Afrika Projekte generieren können und sich Business Cases wesentlich besser rechnen lassen. Darin liegt natürlich der besonders Charme − gerade in einer Rezession, in der ein Mittelständler überlegen muss: Handele ich antizyklisch oder setze ich auf Wachstum durch Expansion in neue Märkte oder die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle? Oder halte ich einfach nur das Geld zusammen?
Bloomberg:
Sie haben die Rezession schon angesprochen. Spüren Sie schon, dass die Stimmung umkippt, dass es Einbrüche gibt von bis zu 20 %, dass man sich auch nach neuen Märkten umgucken muss − einfach aus Überlebensgründen?
FB:
Klar, schauen Sie sich einfach nur die Märkte an. In Deutschland zum Beispiel hält der Kunde des Technologiekonzerns einfach nur sein Geld zusammen. Folglich gibt es einen Auftragsrückgang und Projekte werden verschoben. Auf der anderen Seite hat beispielsweise China ein 500 Mrd.-EUR-Programm aufgesetzt. Davon gehen etwa 20 − 30 % in Umweltschutz- bzw. Klimaschutzprojekte. Das bedeutet, da sind gigantische Summen im Markt vorhanden und es stellt sich die Frage, hat ein deutscher Mittelständler den Mut und auch die Technologien, um an diesen Märkten partizipieren zu können.
Bloomberg:
Wie würden Sie das Profil eines typischen Mittelständlers beschreiben, der zu Ihnen kommt, und was wäre Ihre grundsätzliche Empfehlung?
FB:
Der typische Mittelständler hat zum Beispiel eine Technologie, die CO2-reduzierend und in Deutschland − evtl, auch schon im Ausland − erprobt ist. Da es hier nicht so gut läuft, überlegt er sich, im Gegensatz zu vielen seiner Wettbewerber, jetzt den Sprung zu wagen und nach China zu gehen, um an den dortigen Märkten teilhaben zu können. Dies erfordert natürlich Mut und nach vorn gerichtetes, unternehmerisches Denken.
Bloomberg:
Bisher war ja China eher was für das produzierende Gewerbe. Man konnte dort billig herstellen lassen. Auch deutsche Unternehmen waren dort. Einige sind aber auch wieder zurückgekehrt, waren frustriert, sagten: „Zu viel Bürokratie, Probleme mit Korruption”. Sie waren und sind selber oft in China. Was sind Ihre Erfahrungen mit Kunden vor Ort? Wie hat sich dort die Wirtschaft entwickelt − auch für deutsche Unternehmen?
FB:
Ich gebe Ihnen Recht. Das ganze Thema „wir produzieren in China billig” ist, auch durch den dortigen Wirtschaftsaufschwung, fast schon Schnee von gestern. Was die Leute in China − und hier vor allem die Regierung und damit auch die regierungsnahen Unternehmen − wollen, sind Technologien. Die wollen Klimaschutzprojekte initiieren und somit den Umweltschutz nach vorne bringen. Nur als Beispiel: China hat heute bei neuen Projekten mit die härtesten Umweltauflagen weltweit.
Bloomberg:
Wir hatten gerade die Diskussion auf EU-Ebene und die „Klima-Kanzlerin” ist da − zum Teil jedenfalls − umgekippt und hat doch einige der sehr weitreichenden Maßnahmen wieder zurückgenommen. Es soll Ausnahmeregelungen geben für energieintensive Betriebe. Sehen Sie diesen Rückschritt auch als Rückschritt, was die Chance angeht. Also: Muss man Ökologie gegen Ökonomie immer aufrechnen?
FB:
Früher gab es diesen Spruch: Tue ich was für die Ökologie und für die Umwelt, schadet es meiner eigenen Wirtschaft. Das ist leider falsch.
Im Moment besteht die gesamte Lobby-Arbeit − zum Beispiel einer Stahlindustrie − darin, zu sagen: „Wir verlieren Arbeitsplätze”. Auch Studien belegen, dass wir langfristig 200.000 bis 300.000 Arbeitsplätze in Deutschland durch die ganzen Klimaschutzauflagen verlieren. Das ist die eine Seite der Medaille, nun müssen wir aber auch die andere sehen. Was wird dort geschaffen? Wir haben eben gesagt, wir haben einen der größten Märkte mit den größten Marktvolumina und den größten Wachstumsraten. Neben unseren eigenen Hochrechnungen belegen auch andere Studien, dass bis 2020 etwa 500.000 bis 700.000 Arbeitsplätze in Deutschland neu entstehen werden. Bis 2030 wird es sogar über eine Millionen neue Arbeitsplätze geben. Daher ist natürlich die Frage: Unterhalten wir uns über 200.000 Arbeitsplätze, die es zu erhalten gilt, oder über eine Millionen Arbeitsplätze, die neu geschaffen werden. Das muss die Politik für sich entscheiden.
Bloomberg:
Wir haben über CO2-Reduktion gesprochen und über Kyoto. Sie haben gesagt, das ist nicht das einzige Thema, das Sie ansprechen wollen. Welche anderen Branchen können denn von diesen Mechanismen noch profitieren, vielleicht auch indirekt? Welche Branchen sind hier besonders angesprochen? Und geografisch gesehen: Beschränkt es sich jetzt nur auf China in den kommenden Jahren?
FB:
China ist für Umweltschutzprojekte definitiv der größte Markt. Aber es gibt auch andere große Märkte, wie Indien oder Afrika, wo noch kein so großer Wettbewerbsdruck herrscht. Wir sehen die ganze Thematik im Moment überwiegend über das Thema Technologie-Lieferanten. Denn hinter jedem dieser Projekte stehen auch Services. Das fängt an bei Planungsbüros über Private Equity, die sich dort beteiligen können, bis hin zu Logistikunternehmen. Ein ganz konkretes Beispiel: In Chingdao wurde beschlossen, die Stadt soll grüner werden. Qingdao hat 110 produzierenden Unternehmen gesagt: „Ihr zieht vor die Stadt”. Jetzt werden acht bis zehn Mrd. EUR allein für diese Umzüge investiert. Da wird alles neu geschaffen, da werden lauter neue Dinge entstehen. Und damit ist für jeden ein Stück vom Kuchen vorhanden.
Bloomberg:
Wenn wir auf den heimischen Markt schauen, da gibt es eine riesige Krise in der Automobilindustrie. Automobilzulieferer sind betroffen. Jetzt gibt es einen prominenten Fall: Opel von General Motors. Und da gab es auch den Vorstoß von einem kleinen Solarhersteller − kein kleines, aber im Verhältnis zu General Motors doch recht kleines Unternehmen − der gesagt hat, wir könnten Opel übernehmen und wir könnten Opel fit machen für die Zukunft. Das wurde zum Teil belächelt als PR-Gag, aber Sie sind − glaube ich − der Überzeugung, dass da ein ernsthaftes Anliegen hinter steckt.
FB:
Also wenn man das Thema zu Ende denkt und davon ausgeht, dass ein Automobilhersteller wie Opel alleine lebensfähig ist, dann ergibt sich folgendes Szenario: Unter der Annahme, dass das Auto innerhalb der nächsten zehn Jahre umweltfreundlicher werden muss, kann man beispielsweise ein Konzept für einen grünen Automobil-Konzern entwickeln. Dieses gibt man einem Investor zur Umsetzung, flanscht alle Technologie-Anbieter, alle Zulieferer, die umweltfreundliche Technologien machen, rund um diese Werke, z.B. Kaiserslautern oder Rüsselsheim, und schafft so Arbeitsplätze. Dort ist aber nicht nur ein privater Investor gefragt, sondern auch die Landes- und die Bundesregierung. Die muss sich jeweils fragen, wollen wir diese zukunftssicheren Arbeitsplätze in Deutschland haben oder wollen wir diese Arbeitsplätze ins Ausland gehen lassen. Und da sehe ich aus strukturellen Gesichtspunkten eine große Chance.



