Call-Center im Wandel
Autorenbeiträge
26. August 2008 Die Branche ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Mit ihr teilweise
auch das negative Image - vielfach zu Unrecht.
Kundendienste sind geprägt
vom Ruf, Dreistigkeit und schlechten Service miteinander zu verbinden und nicht
zuletzt dem Anrufer, beraten von inkompetentem Personal, durch hohe
Verbindungsgebühren das Geld aus der Tasche zu ziehen. Als Arbeitgeber sollen
sie unterbezahlte und unzulänglich ausgebildete Ex-Hartz-IV-Empfänger für
unseriöse Geschäfte einsetzen.
Wie immer sind diese Vorurteile verursacht
durch einige, leider sehr präsente, schwarze Schafe. Die Realität aber sieht
anders aus: Für viele Unternehmen stellt eine funktionierende
Kundenschnittstelle nicht nur einen erheblichen Wettbewerbsvorteil dar, sondern
dient gleichzeitig der Kostenoptimierung. Qualifizierte Mitarbeiter sollen einen
möglichst hohen Prozentsatz der an sie herangetragenen Probleme bereits am
Telefon endgültig lösen.
Ein Blick auf die Zahlen verrät das immense
Potential dieser Branche: Heute arbeiten bereits 90 000 „Agenten“ in
eigenständigen Call- oder Service-Centern, die ihre Dienste als
Outsourcing-Partner anderen Unternehmen anbieten. Mit 230 000 immer noch weit
größer ist die Zahl der Jobs in den sogenannten Inhouse-Call-Centern, die als
Töchter von Banken, Versicherungen, Versandhäusern, Telefon-, Bahn- oder
Fluggesellschaften jeweils für den eigenen Konzern arbeiten. In beiden Gruppen
zusammen setzen rund 700 Unternehmen fast 1,9 Milliarden Euro um. Die 25 größten
Spieler vereinen mit 1,3 Milliarden Euro rund zwei Drittel dieses Volumens auf
sich. Eine Studie der Frankfurter Unternehmensberatung TellSell Consulting GmbH
belegt, dass der Outsourcingmarkt in drei bis fünf Jahren über 900 000
Beschäftigte mit einem Umsatz von 27 Milliarden Euro vereinen kann.
Die
Zeit ist nicht mehr fern, in der jeder zehnte Arbeitnehmer direkt oder indirekt
an der Kundenschnittstelle sein Geld verdient. Diese Schnittstellen werden
allerdings nicht nur Calls, sondern ganzheitliche Prozesse in Form eines
Business-Prozess-Outsourcings der Kunden übernehmen. Es geht nicht mehr nur um
den programmierbaren Kundenkontakt zu Auskunftszwecken, sondern um die
erstklassige und professionelle Beratung, die hier an erster Stelle steht. Vor
allem große Dienstleister in endkundennahen Märkten verlagern immer mehr
Zuständigkeiten in ihre Service-Center. Banken und Versicherungen setzen sie
beispielsweise ein, um ihre Zentrale von der operativen Routine zu entlasten und
ihre Kapazitäten auf strategische Aspekte des Kerngeschäfts zu konzentrieren.
Das Service-Center soll bereits einfache Anfragen komplett bearbeiten und so als
Filter fungieren. Neue Technologien und IT-Systeme ermöglichen schon heute, dass
90 Prozent aller telefonischen Anfragen beim ersten Kontakt geklärt werden
können. Aber auch komplexere Abläufe sind ausführbar. So können etwa kleinere
Versicherungsschäden von der Meldung bis zur Regulierung direkt mit dem
Service-Center abgewickelt werden.
Das bedeutet aber auch: Komplette
Gruppen von Sachbearbeitern wechseln in Form eines Betriebsübergangs den
Arbeitgeber. Jüngstes Beispiel: Walter Services übernahm als einer der größten
Service-Outsourcer in Deutschland über 2000 Mitarbeiter der Deutschen Telekom.
Um die Qualität der Kundenbetreuung zu erhalten, werden qualifizierte
Sachbearbeiter zu Service-Center-Mitarbeitern. Die Erfahrung zeigt, dass die
Auslagerung von Arbeitsplätzen in eine Konzerntochter oder zu einem externen
Outsourcer in der Regel mit einer Verschlechterung der Konditionen verbunden
ist.
Denn manchmal ist der Übergang zur Tochtergesellschaft nur der erste
Schritt, dem nach einer gewissen Zeit die volle Ausgliederung aus dem Konzern
folgt. Die Entgeltsenkung kann in zwei Stufen kräftig zu Buche schlagen. 16 bis
25 Prozent vom ursprünglichen Einkommen sind durchaus möglich. Und die Prognose,
dass die externen Outsourcer versuchen werden, mit besonders niedrigen Gehältern
und Sozialleistungen zu arbeiten, um die Inhouse-Service-Center deutlich zu
unterbieten, bedarf keiner besonderen Hellsicht.
Markt
unterschätzt.
Noch ist offen, welchen Marktanteil diese Firmen erreichen
werden und wie stark sich zum Beispiel Private-Equity-Firmen bei ihnen
engagieren werden - mit der Folge, dass ein zusätzlicher Druck auf die Gehälter
entsteht. Sicher dürfte jedoch sein, dass die unterschiedlichen Konstellationen
zu großen Entgeltunterschieden bei gleicher Arbeit führen.
Die große Zahl
von zwei bis drei Millionen Betroffenen macht diese Entwicklung fraglos zu einem
Politikum. Wollen sie allzu große Ungleichgewichte und Brüche vermeiden, werden
Politiker, vor allem aber die Sozialpartner, sich intensiv damit
auseinandersetzen müssen. Doch bislang unterschätzen die Gewerkschaften die
Bedeutung dieser Branche. Sie halten den Markt für zu klein und schwierig. Die
Arbeitgeber haben sich ebenfalls noch kaum formiert. Viel Zeit bleibt beiden
nicht mehr.
Es gilt, konstruktiv die Rahmenbedingungen für diesen Prozess
auszuhandeln und zu verhindern, dass ein Großteil dieser Arbeitsplätze ins
Ausland verlegt wird. Damit wäre keinem geholfen! Den Kunden, den Arbeitgebern
und den Mitarbeitern nicht!
Dr. Frank Baumgärtner, geschäftsführender Gesellschafter TellSell Consulting
GmbH
Quelle:CONSULTING, Verlagsbeilage Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.08.2008, Nr. 199, S. B7



